Donnerstag 12/08/10

Ali Bey 2010 – Erlebnisse eines “Ersttäters”

Cluburlaub? Ich? Nie im Leben!

Doch irgendwann ist immer das erste Mal. Und der legendären Amperpark-Tennisreise in die Türkei kann sich wohl auf die Dauer niemand wirkungsvoll entziehen. Am Ende ist die Lust auf Tennis eben doch grösser als meine Abneigung gegen organisiertes Zwangsvergnügen. Der Entschluss ist gefasst, ich komme mit!

Prolog

Durchgeführt wird das ganze Unterfangen von einem etwas dubiosen niederbayerischen Reiseveranstalter, dessen Name Verbindungen zu obskuren süditalienischen Kreisen suggeriert. Um die dabei erwirtschafteten Finanzmittel zu legitimieren wurde dann, so scheint es, seinerzeit an der Türkischen Riviera ein riesiges Tennisplatzmonopol errichtet, zu dem es leider keine sinnvolle Alternative gibt.

Was will man machen? Nichts! Wer einen stilvollen Tennisurlaub mit Schönwettergarantie auf einer gepflegten Anlage buchen möchte, der muss wohl oder übel in den sauren Apfel beissen.

Immerhin bekommen wir am Tag vor der Abreise doch noch unsere Tickets, zusammen mit der Gewissheit, dass es mit den vom Reiseveranstalter (siehe oben) versprochenen frühen Flügen nichts wird. Stattdessen erfolgt der Hinflug über Stuttgart. Man gönnt sich ja sonst nichts. Liegt schliesslich auf dem Weg.

Freitag

Trotz des kleinen Abstechers ins Schwabenländle verläuft die Anreise weitgehend ohne Probleme. Die Airline tut ihr bestes, um alte Flugnostalgiker wie mich auch ja nicht zu enttäuschen und bietet grandiose Onboard-Erlebnisse in bester 80er Jahre Pan-Am-Gedächtnis-Manier. Einziger Unterschied zu damals: es tropft kein Kondenswasser von der Decke. Ansonsten sind die Sitzreihen wunderbar eng bestuhlt, die Kopfhörer kosten extra, und es gibt zweierlei garantiert geschmacksneutrale Essen zur Auswahl, die sich aber in Farbe und Konsistenz stark unterscheiden. Das Auge isst schliesslich mit! Ausserdem kommt mir in den Sinn, dass bei asiatischen Fluggesellschaften die Flugbegleiterinnen höchstens 26 Jahre alt sein dürfen, um ein attraktives Äusseres sicherzustellen, während bei unserer verantwortlichen Lufttransportorganisation da ganz offensichtlich ein Zahlendreher stattgefunden hat .

Von solch kleinen Belustigungen einmal abgesehen gibt es keine weiteren Zwischenfälle. Die Einreiseformalitäten in der Türkei sind angenehm unkompliziert. Auf dem Transfer ins Hotel werden Trainingseinteilungen und der grobe Tagesablauf bekanntgegeben. Als wir nach kurzer Fahrt die Anlage erreichen, ist es bereits dunkel. Somit wird der geplante Erkundungsgang verschoben, stattdessen erfolgt ein erster Kontakt mit dem grandiosen Buffet, bevor wir unsere Zimmer beziehen. Und obwohl alles Gepäck bei der Ankunft in Antalya auch seinen Besitzer wiedergefunden hat, beschleicht mich doch das ungute Gefühl, etwas wichtiges vergessen zu haben. Wie so oft, wenn ich verreise. Andererseits, was kann gross passieren? Flugschein und Pass habe ich dabei, sonst wäre ich gar nicht erst weggekommen. Und für alles andere schlummert die Kreditkarte im Portemonnaie.

Samstag

Haben mich bei der Anreise mit der Abkürzung über Stuttgart schon leise Zweifel an den Geographiekenntissen unseres Reiseveranstalters beschlichen, so offenbaren sich vor der ersten Trainingseinheit auf dem Wegweiser zu den Tennisplätzen wirklich eklatante Mängel. Daher mache ich mich am Samstag Früh um kurz vor neun auf den Weg und begebe mich zu unseren Plätzen in “Europas grösstem Tenniscamp” – das sich aber leider in Asien befindet.

Eigentlich sollten wir es ja eher entspannt angehen lassen bei der ersten Einheit auf ungewohntem Terrain. Nach dem langen Winter in der Halle müssen wir uns alle erst wieder mit den Tücken der langsamen Sandplätze anfreunden. Nur ist es leider nicht weit her mit der angestrebten ruhigen Ballgewöhnung, denn auf dem Nachbarplatz schreit und tobt ein kleiner Derwisch von Trainer, der seinen jungen Schützlingen lauthals alles und noch ein bisschen mehr abverlangt und darüber sämtliche methodischen und didaktischen Grundlagen zu vergessen scheint. Und ich dachte immer, sowas gibts nur beim Fussball. Wir trösten uns mit der Tatsache, dass er das nicht lange durchhalten kann. “Spätestens morgen Abend bringt der keinen Ton mehr raus.”

“OK, deamas zamm!” Schorschis Standardaufforderung zum Bällesammeln erfolgt gleich nach einem vergleichsweise desaströsen Einspielen. Beim ersten Training auf dem ungewohnten Untergrund haben wir alle noch eine Streuung wie abgesägte Schrotflinten. Aber immerhin ist die Gelegenheit günstig, zum ersten Mal eine der coolen Ballsammelröhren auszuprobieren, die ich woanders schon gesehen habe, aber selber noch nie in der Hand hatte. Nach ein paar Fehlversuchen (in der Früh ist meine Trefferquote noch leicht eingeschränkt) habe ich ein tolles neues Spielzeug für mich entdeckt. Muss nur noch rausfinden, wie das Ding genau funktioniert. Mein innerer Forscherdrang lässt mir keine Ruhe. Oben finde ich nichts Auffälliges. Das Geheimnis muss offensichtlich am unteren Ende des Rohres liegen. Wär doch gelacht… Man muss einfach nur… Ich drehe das Teil um 180°, um genauer nachzusehen und die eben erst mühsam aufgepflückten Bälle ergiessen sich in die nähere und vor allem auch weitere Umgebung des Balleimers. Künstlerpech. Zum Glück hats niemand gesehen.

“Hey wo bleibst du denn?”

“Is scho recht…”

Nach dem Training wird sich am Pool häuslich eingerichtet, unterbrochen nur von einem opulenten Mittagsmahl. Das Buffet lässt wirklich keine Wünsche offen. Wem es hier nicht schmeckt, der ist garantiert selber schuld. Danach finden weitere Positionskämpfe um die besten Plätze am und auch im Badebecken statt, denn die Liegen haben Rollen. Wie praktisch. Der diensthabende Badeaufseher kann sich ein Grinsen nicht verkneifen, als er den Flo mitsamt seinem fahrbaren Untersatz unter grosszügiger Hilfe einiger freundlicher Mitreisender ins erfrischende Nass gleiten sieht.

Am späten Nachmittag besteht die Möglichkeit, sich noch einmal sportlich zu betätigen und vorsorglich ein Kaloriendefizit fürs Abendessen aufzubauen. Wir haben unsere zwei Tennisplätze für zwei Stunden zur freien Verfügung, was auch tatkräftig genutzt wird. In meinem Gehörgang hat sich ein Ohrwurm eingenistet und ich spiele mit Mozarts kleiner Nachtmusik ein äusserst beschwingtes Doppel. Nur mein Aufschlag macht mir Sorgen, aber darüber kann man erstmal grosszügig hinwegsehen. Derweil plärrt der Nachbar immer noch lauthals seine Trainingsgruppe an als gäbe es kein Morgen mehr. Ich bin mal gespannt wie lange das gutgeht…

Abendessen: siehe Mittagessen.

Danach wird kollektiv die Bar gestürmt.

“Was trinkst du denn da?” will die Isolde von mir wissen.

“Vodka Lemon.”

“Naa des is nix für mi!”

“Ah geh, probier doch mal. Gibt’s auch mit Orange…”

“…oder Kirsch” Martina kennt sich eben doch besser aus als ich.

“Hmmmm… – … naa!”

“Jetzat… sei doch ned a so. Des schmeckt echt super.”

“I woass ned.”

Blick in die Runde, wir klammern uns erwartungsfroh an unsere Gläser, während sie noch etwas unentschlossen ist. Dann, plötzlich nach längerem Sinnieren:

“Ok, lass mi amoi probiern.”

Kunstpause…

“Und???!!??”

“Bringst ma oan mit?”

Sonntag

Aufstehen, kleines Frühstück, Training. Das Wetter ist herrlich, fast schon zu warm. Einschlagen läuft schon viel besser als gestern. Flo erklärt die erste Spielform. Aus der Rückhandecke… mit der Vorhand… danach den Punkt ausspielen… Der Himmel ist blau, das Meer rauscht, es ist einfach superschön, auch wenn der Nachbar nach wie vor seine renitenten Pubertanden zusammenbrüllt.

“Äh, was? Ah, alles klar!” Ich darf gleich anfangen, gegen die Martina. Da brauchts keine extra Motivation, da bin ich sofort voll dabei. Ich weiss, ich habe sowieso keine Chance und genau die muss ich am Schopfe packen. Mit Hochgenuss hämmere ich den eingespielten Ball cross gegen die Laufrichtung, erwische sie auf dem falschen Fuss und freue mich wie ein Schnitzel. Hihi, klasse, das kommt nicht so oft vor. Nur Flo’s Gesichtsausdruck irritiert mich ein bisschen.

“0:1!”

“War der nicht drin??”

“Doch schon…”

“Hä?”

Irgendwas hab ich wohl verpasst.

“Longline!”

“Wie?”

“Longline!”

Jetzt nicht wirklich.

“Hast du das vorher gesagt?”

“Mhmmmm.”

Allgemeines Nicken. Aus Isolde’s Grinsen lese ich ein dickes “Na da hat wohl jemand nicht richtig zugehört.”

Scheisse. Den nächsten Ball spiele ich ganz gehorsam die Linie runter. Und ich muss wohl nicht weiter erwähnen, dass ich ihn danach enstprechend um die Ohren bekomme. Es gibt eben noch viel zu lernen.

Ein paar Stunden später:

“Hey!”

Ich spüre das gilt mir

“Ööörrrrrrrrr…”

Grummel

“Isi…”

So ein Mist, es gilt wirklich mir. Bitte, ich mag jetzt nicht. Grosser Seufzer. Mein Körper befindet sich auf einer Liege am Pool, sonnenbeschienen und in der verdienten Waagerechten, der Magen-Darm-Trakt ist gerade damit beschäftigt, das eben genossene Mittagessen ordnungsgemäss zu verdauen. Die graue Zelle verarbeitet Informationen höherer Literatur. Ich orte das Geräusch von weiter rechts, zwei Liegen weiter, wo sich der Schorsch in einer ähnlichen Position befindet, abzüglich allerdings der Literatur.

Na hilft ja nix.

“Wsnlos?” Mehr Vokale als unbedingt nötig müssen in diesem Zustand erstmal nicht sein.

“Hast du an mp3 Player dabei?”

“Mmmmm”

“Hast du den hier?”

Ich fürchte das erfordert doch ein Gespräch in mehr oder weniger ganzen Sätzen.

“Wie – ‘hier’?”

“Na hier.”

“Ääääh… ja, warum?”

Ich versteh die Frage nicht. Er hat doch selber einen. Hat sich vor der Abreise extra noch von der Tanja einen coolen Mix zusammenstellen lassen.

“Hast du deinen nicht mit???”

Dass Männer über 40 bisweilen zu Vergesslichkeit neigen ist ja hinlänglich bekannt.

“Liegt im Zimmer.”

Aha, daher weht also der Wind. Zu faul zum Aufstehen. Irgendwie kann ich das nachvollziehen. Naja, wolln wir mal nicht so sein. Ich reiche ihm meinen iPod rüber.

“Is da aa was gscheids drauf?”

Das auch noch. Anspruchsvoll. Herrjeh…

“Was magst denn hörn?”

“Irgendwas chilliges, zum Entspannen.”

“Logo, hamma doch ois!”

Was tut man nicht alles um den Chef bei Laune zu halten. Ich suche ihm was passendes raus und widme mich wieder meinem Buch.

Gefühlte 83 Seiten und einen Latte Macchiato später wage ich einen Blick aus dem Augenwinkel nach nebenan. Ich hab mich für vier zum Doppel verabredet und muss mich langsam fertig machen. Er liegt immer noch schmachtend in der Sonne, mit meinen Knöpfen im Ohr, und scheint sich während der gesamten Zeit nicht bewegt zu haben. Das kann jetzt nicht sein, dass der seit knapp zwei Stunden dieselben acht Stücke rauf und runter hört? Aber der Gedanke erübrigt sich, als ich im Gehen erkenne, wie er sich durch das weitere Musikangebot zappt.

“Aaaah, Robbie Williams! Geiiillll!”

Na dann kann ich ja beruhigt den Schläger schwingen gehen…

Montag

Das dicke Ende kommt am nächsten Morgen, als ich zwischen Bad und Frühstück einen Blick auf meine Armbanduhr werfe. Wie kurz nach halb neun? Waaah! War es nicht grad erst halb acht? Tatsächlich! Das Display meines iPods, der mir nebenbei auch als Wecker dient, zeigt eine Stunde früher an. Ich schaue auf mein Handy. Kurz nach halb neun, da lässt sich nichts dran rütteln. Waaaahhhh! Irgendwann gestern Nachmittag muss der Chef eine falsche Tastenkombination erwischt und aus Versehen die Uhr verstellt haben. Puuh! Das wird nichts mehr mit Frühstück. Zum Glück hab ich immer eine Notration dabei, zur Vorsorge gegen plötzliches Verhungern. Ich werfe mich in meine Klamotten, presse mir einen Riegel rein und erscheine kurze Zeit später etwas gehetzt auf dem Platz.

“Hey was ist denn mit Dir los?”

“Verschlafen!”

“Auweh!”

Das nachfolgende Training läuft so gut, dass ich mich beinahe genötigt sehe, den Tag rot im Kalender zu markieren. Vielleicht sollte ich öfter mal heimlich jemanden an der Uhr drehen lassen…

Nach dem Training. Heike ist mit ihrer Vorhand nicht zufrieden und schlägt mit dem Schorsch noch ein paar Bälle. Dieweil stehen Flo und ich am Spielfeldrand über die Brüstung gelehnt und amüsieren uns. Moment – hat da jemand gesagt wie die zwei Alten aus der Muppetsshow? Das will ich jetzt bitte mal überhört haben. Dafür ist es hier viel zu tiefenentspannt. Die Palmen wiegen sich im Wind, das Meer rauscht gleichmässig im Hintergrund, ansonsten ist es auffallend still. Da stimmt doch was nicht. Auf einmal klopft der Flo mir auf die Schulter.

“Ja?”

“Da!”

Nun ist ‘da’ ein eher dehnbarer Begriff, der sich mir nicht sofort erschliesst.

“Was?”

“Na da! Schau mal!”

Er deutet mit dem Daumen unauffällig nach links. Ich kann nichts aussergewöhnliches erkennen.

“Wo?”

“Da drüben!”

Aaah, jetzt seh ichs auch. Da steht der Schreihals von nebenan, stumm wie ein Fisch klebt er förmlich am Zaun und hat nur Augen für die Heike. Mit weit aufgerissenem Mund, völlig losgelöst von Zeit und Raum scheint ihm in diesem Augenblick kein Geld der Welt zu viel, um auch nur für einen kurzen Moment mit dem Schorschi tauschen zu dürfen, der von der anderen Seite des Netztes in aller Seelenruhe die Bälle zuspielt.

Wir versuchen garnicht erst, uns das Lachen zu verkneifen. Wer hat der hat eben, jeder wie er’s verdient. Und als eines der Mädels der Trainingsgruppe drüben auftaucht, eine etwas spröde Erscheinung mit zu dünnen Beinen und ohne erkennbare Oberweite, und den Trainer jäh aus seinen Tagträumen reisst, sehen wir uns in unserer Theorie voll und ganz bestätigt.

Rest des Tages: wie gehabt. Ach nein, zur Abwechslung liegen wir diesmal am Strand und nicht am Pool. Wird ja sonst langweilig. Vor dem Abendessen wieder ein gepflegtes Doppel. Ohne Ohrwurm diesmal. Und langsam mache ich mir ernsthaft Sorgen um meinen Aufschlag.

Dienstag

Beim Frühstück blicke ich in die müden Augen meiner gewöhnlich sehr erfrischten Mannschaftskollegin. Öha!

“Was is los??”

“I woass ned, I hätt nachm zwoatn Drink aufhörn solln gestern Abend.”

Da ist wohl jemand auf den Geschmack gekommen. Aber wen ficht das schon? Schliesslich ist Urlaub, da darf man sowas!

Trotz des freien Tages haben wir uns ein lockeres Vormittagsdoppel organisiert. Es geht halt doch nicht ohne. Aber mit diesem Doppel kommt auch die endgültige Gewissheit: das ist nicht mein Aufschlag, den ich da dabei habe. Wahrscheinlich habe ich meinen nach dem letzten Training in Emmering auf dem Platz vergessen und aus Versehen einen anderen eingepackt. Es liegt ja immer so allerhand rum in der Halle. Hoffentlich freut sich jetzt nicht jemand anderes über meinen, denn das wäre extrem ärgerlich. Wo wir uns gerade so gut verstanden haben.

Nachdem heute kein Training ist, zerstreut sich alles. Ein paar von uns erkunden den Wellnesstempel von innen und lassen sich dort verwöhnen, andere haben sich ein Auto gemietet und sind auf Kulturtrip. Die Jugend vergnügt sich im Aquapark. Der Rest betreibt Müssiggang am Pool. Plötzlich bewegt sich jemand.

“Eh, ned so hektisch!”

“Muass biesln.”

“Ah so…”

Dann der Geistesblitz – eine solche Gelegenheit muss man nutzen:

“…bringst ma a Eis mit??”

“Na klar doch, was magstn?”

“Cornetto Schoko.”

Da werden andere auf einmal hellhörig

“Erdbeer für mi!”

“Mir a Magnum bitte!”

Doch die entstandene Unruhe währt nicht lange. Wenig später ist die Blase der Verursacherin geleert und alle sind mit dem gewünschten Gefrorenen versorgt. Dann kann man höchstens noch leise genussvolles Schlabbern vernehmen. Bis sich das Spiel einige Zeit später wiederholt. Nur dass es mich diesmal selber erwischt:

“Gehst Du Kaffee holen?”

Später, am Abend:

“Wo isn der Schorschi?”

“Ich glaub der führt grad mal wieder ein Verkaufsgespräch.”

Wir stehen nach dem Essen noch gemütlich an der Bar, jeder mit dem einen oder anderen alkoholhaltigen Erfrischungsgetränk ausgestattet. Ein paar Tische weiter hat sich eine Menschentraube um den Chef gebildet, der eifrig kinesiologische Tests durchführt. So toll die Powerbänder auch sind, andere Leute wären sicher nicht in der Lage, auch nur einen Bruchteil davon an den Mann zu bringen. Aber der Schorsch ist eben nicht nur ein hervorragender Trainer, sondern auch ein begnadeter Verkäufer. Der würde es sicher auch noch fertigbringen, dem Papst von der Notwendigkeit eines Doppelbettes zu überzeugen.

Mittwoch

Mit der – äh – pünktlichen Vergabe unserer Flugtickets hat uns unser eingangs erwähnter niederbayerischer Reiseveranstalter grosszügigerweise auch noch mit zwei Gutscheinen für seinen Sportshop ausgestattet, der sich auch noch günstig inmitten der Tennisanlage befindet. Coole Sache! Wenn da nur nicht das Kleingedruckte wäre: gültig erst ab einem Warenwert von €50.- So ein Nepp!! Na dann halt nicht. Zum Glück hab ichs noch rechtzeitig gemerkt.

Aber nicht mit mir!

Sowas mach ich nicht mit!

Ich doch nicht!

Ich lass mich nicht für dumm verkaufen! Sollen andere auf den Trick hereinfallen.

Obwohl… – …schauen kann man ja mal, schauen kost ja nix.

Ich kauf sowieso nichts.

Ich brauch auch nichts.

Wobei die doch ganz hübsche Sachen haben da.

Naja, anprobieren darf man ja wohl noch…

So ein Mist, das passt sogar.

Seufz!

Wenn ich es genau betrachte, falle ich wahrscheinlich genau in die Zielgruppe. Frau über 40, mit latent ungestilltem Shoppingbedürfnis. Sollte man sich da nicht ein Herz nehmen und zur Freude des grosszügigen Spenders zumindest ein bisschen das Klischee bedienen? Und Niederbayern soll ja auch sehr konjunkturschwach sein…

Ich gebe mir einen Ruck und gehe zur Kasse. Dann stecke ich die Tüte mit meinen Errungenschaften in meinen kleinen Rucksack und begebe mich schnurstracks zum Pool. Das hab ich mir jetzt verdient. Einkaufen macht müde.

“Wo kommst denn du jetzt her?”

“Ääääähhhh…”

“Warst shoppen?”

“Also…”

“Aber mal ehrlich, des mit dem Gutschein is scho a rechter Beschiss, findst ned aa?”

“Ey voll!” Aber was soll ich mich jetzt noch echauffieren? Der Einkauf ist getätigt, und eigentlich habe ich im Moment ein ganz anderes Problem:

“Was is los?”

“Keine Liege frei.”

“Kannst meine haben.”

“Warum, wo gehst du hin?”

Frau über 40, Zielgruppe, was frag ich eigentlich noch?

Am Nachmittag, zurück auf dem Tennisplatz, ist es interessant zu beobachten, dass nicht wenige Mitglieder unserer Truppe auf einmal neue Sachen spazierenführen. Da braucht man sich um Niederbayern wirklich keine Sorgen mehr zu machen.

Das gemeinsame Abendessen entfällt aufgrund anderweitiger Interessen. An unserer gewöhnlich in voller Mannschaftsstärke besetzten Tafel haben sich die Reihen auffällig gelichtet.

“Was is denn heit so leer da?”

“Die san nebenan!”

“???”

“Wellness. Hamam.”

Jeder wie er’s braucht. Wellness und Hamam kann ich auch im Bayerischen Wald. Hier ist mir das Buffet mit lecker Hammhamm allemal wichtiger.

Donnerstag

Training. Seit ich mir sicher bin, dass das wirklich nicht mein Aufschlag ist, den ich da dabei habe, komme ich mit dem anderen ein bisschen besser klar. Alles jammern nutzt ja jetzt auch nichts, man muss sich eben arrangieren und das klappt inzwischen ganz gut. Ich habe gestern ein tolles Einzel gespielt und am Ende der heutigen Trainingseinheit bin so zufrieden, dass ich sportlich einen Strich unter diese Woche ziehe. Mit einem guten Gefühl aufhören, das weiss ich nicht erst seit ich Tennis spiele.

Freitag

Letzter Tag. Oder besser: letzte Nacht. Denn um halb drei ist Abreise. Um halb drei in der Früh, um es präziser auszudrücken. Was aber genaugenommen auch nicht ganz korrekt ist, denn unser Flieger geht erst am späten Vormittag. Trotzdem stehe ich pünktlich um 2:34 Uhr einigermassen senkrecht im Bett, hellwach, alle Sinne geschärft. Denn genau jetzt in diesem Moment scheint der Zeitpunkt gekommen zu sein, an dem dem übellaunigen Übungsleiter von nebenan, der uns die gesamte vergangene Woche so treu und lautstark in den Ohren gelegen ist, die Stimme versagt. Genau in dem Moment nämlich, als seine geneigte pubertäre Truppe sich anschickt, die Anlage zu verlassen und die Heimreise anzutreten. Und da man Rollkoffer eben rollen muss (wenn man sie tragen sollte wären es ja Tragekoffer), geht das nicht so ganz geräuschlos vonstatten. Zumal wenn Boden und Treppe gefliest sind und die zu verlassenden Zimmer sich im zweiten Stock befinden. Der offene Innenhof bebt in einer Heftigkeit, die man ohne weiteres seismographisch nachweisen könnte. Mir schwillt die Halsschlagader. Ungeahnte Gewaltphantasien wabern durch die Gehirnwindungen. Jetzt fängt auch noch jemand an, einen Tennisball gegen Boden und Wand zu werfen. Dadak, dadak, dadak… Vor meinem geistigen Auge sehe ich schon die Schlagzeilen. Ali Bey Kettensägenmassaker. Gruppe unschuldiger Jugendlicher von geistesgestörter Frau grausam dahingemetzelt. Unschuldig! Wenn die wüssten.

Als endlich Ruhe ist und ich wieder einigermassen zu meinem Schlaf gefunden habe, reisst mich der Muezzin der örtlichen Moschee wieder aus demselben. Das erste Mal seit wir hier sind, dass ich den überhaupt höre. Da ist wohl nichts zu machen.

Nach einem kurzen Frühstück brechen auch wir auf in Richtung Heimat. Der Veranstalter scheint inzwischen eingesehen zu haben dass Stuttgart vielleicht doch nicht wirklich auf dem Weg liegt und so dürfen wir sogar direkt nach München fliegen. Diesmal gibt es unterwegs nur eine – nennen wir es mal “Mahlzeit” zur Auswahl, die unter der irreführenden Bezeichnung Frühstück kredenzt wird. Ich weiss bis heute nicht, was ich da gegessen habe. Nur soviel sei gesagt: die gerösteten Mehlwürmer damals in Zambia waren eindeutig besser.

Daheim in München trennt man sich dann schweren Herzens nach einer tollen Woche voneinander. Schee wars, Spass hamma g’habt, Tennis passt aa, wir sehen uns am Montag im Amperpark.

Die Saison kann kommen!

Epilog

Natürlich hätte es an dieser Stelle noch viel mehr zu erzählen gegeben. Zum Beispiel von den jungen blonden Regionalligaspielerinnen im Leopardentop. Oder wie die Martina es nie geschafft hat, mit der gewünschten Eleganz durch den Trichter zu fallen. Oder auch von der Dame, die mit Alkohol keine Probleme hatte – höchstens ohne. Aber das würde den Rahmen dieses Berichtes eindeutig sprengen.

Nur eines sei noch erwähnt: ich habe meinen Aufschlag wiedergefunden. Daheim in unserer Tennishalle in Emmering, auf Platz eins, war er plötzlich wieder da.

“Hallo?”

“Was machst du denn hier? Warum bist du nicht mitgekommen? Ich hätte dich dringend gebraucht!”

“Flugangst.”

“Was?”

“Nein, nein, war nur Spass. Du hast mich vergessen.”

“Ich hab dich doch eingesteckt?”

“Hast du gedacht…”

“Ja, hab ich gedacht.”

“Hast du nicht. Nach dem letzten Training hast du deine Sachen in die Tasche gestopft und den anderen Aufschlag eingepackt, der neben mir auf der Bank lag. Und mich hast du einfach sitzen lassen. Komischer Typ übrigens.”

“Wer?“

“Der Kollege.”

“Wie meinst du das?”

“Bisserl schwach auf der Brust. Und wenn er’s dann doch mal über die Netzkante schafft, ist er so begeistert, dass es ihm völlig egal ist, wo er wieder runterkommt.”

“Hab ich gemerkt.”

“Ich mach sowas nicht!”

“Naja…”

“Na gut, manchmal passiert mir das auch. Aber eigentlich bin ich doch recht zuverlässig…”

Er sieht mich mit grossen Augen an.

“Oder???!!??”

“Natürlich.”

“Duuuu?”

“Ja?”

“Nächstes Jahr, da vergisst du mich nicht wieder, da nimmst du mich mit. Versprochen?”

“Versprochen! Ich brauch dich doch. Komm, und jetzt rein mit dir!”

Ich öffne den Reissverschluss meiner Tennistasche.

Einen kurzen Augenblick lang steht er noch ein wenig unschlüssig davor. Dann schlüpft er hinein und kuschelt sich sofort mit einem zufriedenen Seufzer an meine Rückhand. Die beiden fangen sofort an zu flüstern. Ob die was miteinander… Egal, und wenn schon. Das ist jedenfalls eine ganz andere Geschichte…

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